Keine Angst vor Bürgernähe

Alles schreit nach Bürgernähe. Das ist die Vokabel, die sich Bürgermeister und Ratsmitglieder gerne in den Wahlkampf-Flyer schreiben lassen. Doch echte Bürgernähe ist mehr als Versammlungen und Sprechstunden im Rathaus. Echte Bürgernähe findet vielmehr online statt. Das erkennen aber viele Verwaltungsmenschen und Politiker nicht. An sozialen Netzwerken führt kein Weg vorbei. Dort sind die Bürger mit frischen, neuen Ideen.

Dieses Szenario kennt doch jeder Öffentlichkeitsarbeiter in den Rathäusern: Die Kommune hat Großes vor, eine neue Umgehungsstraße, die Sanierung ganzer Quartiere oder einfach eine einschneidende Investition, die den Kämmerer schwitzen lässt. Kommunen, die sich aufgeschlossen sind oder sich so fühlen, laden dann ein zur Bürgerversammlung. Meistens finde diese statt im Ratssaal oder in einer größeren Gaststätte. Diese Infoveranstaltungen erinnern mich immer an die Bürgerversammlungen in der TV-Serie Simpsons im Rathaus von Springfield. Das sitzen immer die gleichen Gesichter auf immer den gleichen Plätzen. Meistens ändern sich die Argumente kaum, die politischen Positionen schon gar nicht. Ist das wirklich Bürgernähe, wenn man immer die gleichen Pro- und Contra-Typen sieht und hört? Nein, ist es nicht.


Auf den Bürgerversammlung fehlt es häufig an jungen Gesichtern, an frischen, anderen Ideen und an Bürgern, die einfach keine Zeit haben, zwei Stunden lang einer solchen Versammlung beizuwohnen. Initiatoren sagen dann schnell: „Sie hätten ja kommen können, stand doch groß angekündigt in der Zeitung. Und jedem eine einzelne Einladung schicken, ist zu aufwändig.“ Ja, in der Zeitung stand es. Doch Abonnentenzahlen steigen schon 20 Jahren nicht mehr. Viele junge Familien verzichten auf ein Abo ihrer Lokalzeitung, weil sie sich durch das Netz und seine Portale schon genügend informiert fühlen. Und tausende Einladungsschreiben rausschicken ist wirklich zu viel Aufwand.

Junge Leute mit frischen Ideen tummeln sich im Internet. Und dort vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook und Co. Warum diese dann nicht dort abholen?

Leider verpassen dies viele Kommunen, in dem sich nicht trauen, in sozialen Netzwerken aktiv zu sein. In vielen Rathäuser werden „Neue Medien“ eher belächelt. Es steht halt nicht im Verwaltungskatalog als Pflichtaufgabe. Social Networking ist Kür. Obere Priorität hat das schon gar nicht.

Öffentlichkeitsarbeit funktioniert in konservativen Häusern so: Pressereferent schreibt Presseinfo, lässt sie vom Bürgermeister abzeichnen, schickt sie raus an die Medien und hofft darauf, dass am nächsten Morgen diese Info möglichst ungekürzt in der Zeitung steht oder im Radio verlesen wird. Wenn der Pressereferent dann noch Glück hat, lesen die richtigen Leute die Info. Job erfüllt? Vielleicht für den Vorgesetzten vom Schlag Internetausdrucker.

Wirkliche Bürgernähe ist das nicht. Der Bürger wird zu keiner Zeit direkt über Neuigkeiten informiert. Der Bürger hat keine Möglichkeit, direkt darauf zu reagieren und ein Rückmeldung an die Verwaltung zu geben. Wie soll die Verwaltung denn bemerken, ob was schief läuft?

Also, liebe Kollegen in den Rathäusern: Raus aus der Komfortzone, rein in die soziale Netzwerke. Legt euch einen persönlichen Account an, mit eurem richtigen Namen. Legt keinen Account an wie „Vorname: Stadt, Nachname: Musterstadt“ und geht dann auf Freundejagd. Nein. Dafür gibt es Fanpages. Organisationen sollten kein Freund sein. Darüber habe ich schon bei TOMBOgrafie.de gebloggt.

Wie man eine Fanpage mit Leben füllt, erkläre ich im nächsten Blogbeitrag.

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